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Das sind die in der französischen Sprache am meisten verwendeten Buchstaben. Und nach diesem „Alphabet“, nach diesem System, die Buchstaben ihrer Häufigkeit nach zu sortieren, hat Jean-Dominique Bauby sein Buch diktiert. Bauby ist im März 1997 gestorben, nachdem er weit über ein Jahr in seinem Körper gefangen war.

Im Dezember 1995 erlitt er einen schweren Schlaganfall, nach einem zweiwöchigen Koma erwachte er – vollständig gelähmt, bis auf ein Augenlid und eine leichte Kopfbewegung. Diese sehr seltene Krankheit nennt man „Locked In Syndrom“, kurz LIS. Man ist bei vollem Bewusstsein gefangen im eigenen Körper, in einer, wenn man so will, Taucherglocke. Jean-Dominique sortierte Satz für Satz, Kapitel um Kapitel in seinem Kopf, bevor er mit seinem Lid blinzelte, wenn der richtige Buchstabe genannt wurde.

schmetterlingEs ist kein alltägliches Buch. Eher eine Kostbarkeit, wenn man das Zustandekommen bedenkt. Und er schreibt nichts von Selbstmitleid, Bauby lässt uns Anteil nehmen an seinem Zustand, mit Witz und Ironie zeigt er uns sein „Leben“ als LIS-Patient, holt uns in seine Taucherglocke. Dann entfliehen wir mit ihm, als Schmetterling, in die Welt, welche vor seinem Krankenzimmer stattfindet. Der wache Geist durchbricht die Glocke, entflieht dem Kerker. Doch schreibt er auch von der Verzweiflung, welche sich doch immer wieder breit macht.

Allzu oft, auch mit Recht, sagt man, ein Film, gedreht nach einem Buch, verliere von der Ausstrahlung der Worte. Hier ist es nicht der Fall. Der gleichnamige Film intensiviert dieses Erleben des Locked In Syndroms. Gedreht aus der Sicht Baubys, sehen wir die Welt mit seinem Auge, sind dabei, als man ihm ein Augenlid zu nähte, als über ihn gesprochen wurde. Doch ich schreibe ganz bewusst nicht, dass wir uns durch diesen Film in ihn hinein versetzen können. Nein, das kann niemand. Das einzige, was wir können, ist, sich ein wenig mehr mit unserem Leben auseinander zu setzen. Manche ärgern sich über ein paar Pfunde zu viel am Körper, graue Haare, ein Pickel, die Frisur, welche heute nicht sitzen will und all dergleichen Banalitäten, Kleinigkeiten. Sehen wir die Welt mit anderen Augen, freuen wir uns des Lebens, auch wenn es uns manchmal vorkommt, wir wären der Baum und nicht der Hund.

Auch eine seltene Krankheit ist der Zustand des Wachkomas, des apallischen Syndroms. Hier fehlt dem Patienten durch eine zu starke Schädigung des Hirns das Bewusstsein. Doch finde ich den Übergang eher fließend. Welcher noch so gute Neurologe kann mit hundertprozentiger Gewissheit sagen, dieser Gruppe fehlt das Bewusst gewordene Sein. Und so kommt es bei jedem dieser zwei Krankheitsbilder vor, das mangelnde Kenntnis der Pflegekräfte dazu führen, ohne Vorwarnung die Bettdecke weg gezogen zu bekommen oder einen nassen Waschlappen plötzlich im Gesicht zu haben. Dieser Film sollte eigentlich zum Lehrplan auszubildender Pflegekräfte dazu gehören und bei Angestellten auf solchen Stationen jährlich gezeigt werden.


Kommentare

E S A R I N T U L O M D P C F B V H G J Q Z Y X K W — 5 Kommentare

  1. Liebe Holger,

    es ist immer wieder erstaunlich für mich, wie wunderschön Du Bücher und Ihren „Stoff“ näher bringst. Du beschreibst sehr einfühlsam die Umstände, unter denen dieses Buch entstanden ist.
    Baust eine Brücke zum Anteilnehmen. Danke.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  2. Lieber Holger,

    wow, das ist ja beeindruckend. Danke für den Tipp.

    Manchmal sollte man sich mit seinem Leben auseinandersetzen und mal betrachten, was man eigentlich alles hat. Ich weiß nicht, wie es Menschen mit solchen Schicksalsschlägen schaffen, so viel Sinn in ihrem Leben zu finden und nicht dabei zu verzweifeln. Da kann man sich wirklich eine Scheibe von abschneiden.

    Liebe Grüße,
    Martina

  3. Liebe Martina,
    seit ich mal zu Besuch auf einer Station für Menschen im Wachkoma war, überdachte ich wohl das Leben. Zumindest sehr oft halte ich mich daran und will nicht über Lappalien jammern, sage mir dann immer, diese Leute wären froh, von solchen Nebensächlichkeiten geplagt zu sein.
    Der Film ist wirklich sehenswert.
    lebenswerte, liebe Grüße,
    Holger

  4. Lieber Holger,

    das zurückgegebene Kompliment gebe ich wiederum gerne zurück. Wie man aus meinem Nonsens-Stollen eine Hommage an das Erzgebirge machen kann, das ist wahrlich eine Kunst.

    Liebe Grüße,
    Ulf

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