StartseiteAllgemeinDas Butterbrotpapier

Vorhin las ich in meinem Reader die Überschrift „Butterbrotpapier“ in Ulfs Schreibetagebuch. Und da ich ja bekennenderweise eine Affinität zur Literatur in mir hege, sah ich sofort ein Gedicht vor mir. Um wie viel überraschter war ich dann, dass auch beim Fußball, ein Sport der mir jeher etwas suspekt ist, dererlei Papierkugeln eine Rolle spielen. Um wie viel bedeutsamer, spannender wäre denn so ein Spiel, wenn die Fans, anstatt mit Böllern und Leuchtraketen, Papierkugeln auf den Rasen schmissen. Natürlich nur ohne den letzten Rest der eingewickelten Brote abgeschleckt zu haben. Um auch den Spechten noch etwas übrig zulassen. Und hier das Original des Butterbrotpapiers von Christian Morgenstern:

Das Butterbrotpapier

            Ein Butterbrotpapier im Wald,
            da es beschneit wird, fühlt sich kalt …

            In seiner Angst, wiewohl es nie
            an Denken vorher irgendwie

            gedacht, natürlich, als ein Ding
            aus Lumpen usw., fing,

            aus Angst, so sagte ich, fing an
            zu denken, fing, hob an, begann

            zu denken, denkt euch, was das heißt,
            bekam (aus Angst, so sagt‘ ich) – Geist,

            und zwar, versteht sich, nicht bloß so
            vom Himmel droben irgendwo,

            vielmehr infolge einer ganz
            exakt entstandnen Hirnsubstanz –

            die aus Holz, Eiweiß, Mehl und Schmer,
            (durch Angst), mit Überspringung der

            sonst üblichen Weltalter, an
            ihm Boden und Gefäß gewann –

            [(mit Überspringung) in und an
            ihm Boden und Gefäß gewann.]

            Mithilfe dieser Hilfe nun
            entschloß sich das Papier zum Tun,

            zum Leben, zum – gleichviel, es fing
            zu gehn an – wie ein Schmetterling …

            zu kriechen erst, zu fliegen drauf,
            bis übers Unterholz hinauf,

            dann über die Chaussee und quer
            und kreuz und links und hin und her –

            wie eben solch ein Tier zur Welt
            (je nach dem Wind) (und sonst) sich stellt.

            Doch, Freunde! werdet bleich gleich mir! –:
            Ein Vogel, dick und ganz voll Gier,

            erblickt’s (wir sind im Januar …) –
            und schickt sich an, mit Haut und Haar –

            und schickt sich an, mit Haar und Haut –
            (wer mag da endigen!) (mir graut) –

            (Bedenkt, was alles nötig war!) –
            und schickt sich an, mit Haut und Haar – –

            ein Butterbrotpapier im Wald
            gewinnt – aus Angst – Naturgestalt …

            Genug!! Der wilde Specht verschluckt
            das unersetzliche Produkt …

Christian Morgenstern, aus „Palmström“


Kommentare

Das Butterbrotpapier — 4 Kommentare

  1. Lieber Holger,

    nachdem ich vor vielen Jahren in der Radiowerbung vernahm, man könne jetzt den Bolero, bekannt aus der Kaffeewerbung (!!!), für den und Preis kaufen, da dachte ich mir, was für ein Glück, dass ich den Bolero vorher schon kennen lernen durfte.

    Auch den Christian Morgenstern kannte ich schon, bevor Axel Hacke den Neger Wumbaba auf den Markt brachte.

    Doch ehrliche gesagt, ich kenne nur „die weißen Nebel wunderbar“. Wir lernten es seinerzeit auswendig in der Schule. Fürs Leben.

    Das Chr.M. so humorvoll geschrieben hat, ist mir (Kunstbanausen!) bisher verschlossen geblieben, wie so manche andere Perle der Literatur.

    Danke für die Horizonterweiterung!

    Ob es helfen würde, das achtlose Wegwerfen von Butterbropapier zu reduzieren, wenn man auf den Pausenhöfen den Text auf Tafeln anbringen würde?

    Liebe Grüße,
    Ulf

  2. Lieber Ulf,

    letztere Frage kann ich erst nach dem Pisa-Deutschtest beantworten. Es sei denn, du siehst den Text als Lerneinheit für die Schööler mit „Integrationshintergrund“.
    Sehr zu empfehlen wären „Sämtliche Galgenlieder“ von Morgenstern.

    literarische Grüße,
    Holger

  3. Lieber Holger,

    das kannte ich noch nicht. Aber es bringt mich zum Schmunzeln. 🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

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