StartseiteAllgemeinHarzreise

Ein kleines Exzerpt aus den Reisebildern Heinrich Heines, namentlich aus der Harzreise. Da wir unsere Zeit anders einteilen müssen, als der Dichter es tat, wird der anstehende Ausflug kürzer ausfallen. Doch wenigstens den Abstieg vom Brocken, so wie Heine ihn ging, werde ich keinesfalls versäumen:

… Je tiefer wir hinabstiegen, desto lieblicher rauschte das unterirdische Gewässer, nur hier und da, unter Gestein und Gestrippe, blinkte es hervor und schien heimlich zu lauschen, ob es ans Licht treten dürfe, und endlich kam eine kleine Welle entschlossen hervorgesprungen. Nun zeigt sich die gewöhnliche Erscheinung: ein Kühner macht den Anfang, und der große Troß der Zagenden wird plötzlich, zu seinem eigenen Erstaunen, von Mut ergriffen und eilt, sich mit jenem ersten zu vereinigen. Eine Menge anderer Quellen hüpften jetzt hastig aus ihrem Versteck, verbanden sich mit der zuerst hervorgesprungenen, und bald bildeten sie zusammen ein schon bedeutendes Bächlein, das in unzähligen Wasserfällen und in wunderlichen Windungen das Bergtal hinabrauscht. Das ist nun die Ilse, die liebliche, süße Ilse. …

… Es ist unbeschreibbar, mit welcher Fröhlichkeit, Naivetät und Anmut die Ilse sich hinunterstürzt über die abenteuerlich gebildeten Felsstücke, die sie in ihrem Laufe findet, so daß das Wasser hier wild emporzischt oder schäumend überläuft, dort aus allerlei Steinspalten, wie aus tollen Gießkannen, in reinen Bögen sich ergießt und unten wieder über die kleinen Steine hintrippelt, wie ein munteres Mädchen. Ja, die Sage ist wahr, die Ilse ist eine Prinzessin, die lachend und blühend den Berg hinabläuft. Wie blinkt im Sonnenschein ihr weißes Schaumgewand! Wie flattern im Winde ihre silbernen Busenbänder! Wie funkeln und blitzen ihre Diamanten! Die hohen Buchen stehen dabei gleich ernsten Vätern, die verstohlen lächelnd dem Mutwillen des lieblichen Kindes zusehen; die weißen Birken bewegen sich tantenhaft vergnügt und doch zugleich ängstlich über die gewagten Sprünge; der stolze Eichbaum schaut drein wie ein verdrießlicher Oheim, der das schöne Wetter bezahlen soll; die Vögelein in den Lüften jubeln ihren Beifall, die Blumen am Ufer flüstern zärtlich: »Oh, nimm uns mit, nimm uns mit, lieb Schwesterchen!« – aber das lustige Mädchen springt unaufhaltsam weiter, und plötzlich ergreift sie den träumenden Dichter, und es strömt auf mich herab ein Blumenregen von klingenden Strahlen und strahlenden Klängen, und die Sinne vergehen mir vor lauter Herrlichkeit, und ich höre nur noch die flötensüße Stimme …

 

aus Heinrich Heine: Harzreise


Kommentare

Harzreise — 12 Kommentare

  1. haha!
    Da bin ich gespannt auf deinen Bericht.
    Den Heineweg finde ich eigentlich nur im Ilsetal schön, der Kolonnenweg hat´s in sich (zumindest rauf)
    Die faule Litteratte geht nur noch übers Eckerloch hoch und kommt gerade auf Ideen…

    Lieben Gruß

  2. Bitte mitbringen: Karfunkel, Hexen (sechs bis sieben Stück), Besen, Kobold (ersatzweise Zwerg).
    Danke. Und viel Spaß!

  3. Dieses Jahr war ich noch gar nicht, Holger, das Wetter war so unbeständig und da oben sowieso, aber normalerweise kann das gut möglich sein.
    Das Brockengebiet ( der Harz überhaupt) ist so wildromantisch-mystisch. Da kann man gut an Hexen glauben. Aber warum sich Bjoern gleich sechs bis sieben wünscht, hätte ich gern näher erklärt?

  4. Froschschenkel und Spinnenbein
    müssen noch in den Topf hinein.
    Das Auge einer blinden Kuh,
    Schierlingskraut kommt auch dazu.
    Von Urian drei Tropfen Blut,
    fertig ist der Hexensud.

    Mehr wollten mir die dunklen Gestalten in dem tiefen Wald nicht verraten. Ich war dann auch froh, zwischen den Bäumen wieder die Sonne zu sehen. Die Typen machten mir doch etwas Angst.

  5. […] herab ein Blumenregen von klingenden Strahlen und strahlenden Klängen […]

    Ein gelungenes Beispiel für Synästhesie!

    LG,
    Ralph

  6. Lieber Holger,

    Kitsch! Hätte ich früher gesagt.

    Heute muss ich klein beigeben, dass, wer mit der Sprache zu sehen vermag, in der Lage ist, bei der Leserin und beim Leser Bilder hervorzuzaubern, die womöglich stärker sind als die Wirklichkeit.

    Danke, dass Du auf diesen schönen Text aufmerksam gemacht hast.

    Liebe Grüße,
    Ulf

  7. Hallo Holger,

    ich sehe , du bist genauso fleissig wie ich..

    herzlichen Gruß

  8. Lieber Holger,

    gerade habe ich in meinem Blog gestöbert und ein paar ältere Beiträge von mir gelesen. Da bin ich über einen Kommentar von dir gestolpert und habe mich gefragt, was du so machst.
    Nun lasse ich einfach noch mal ein paar liebe Grüße hier. Vielleicht liest du sie ja doch noch mal. 🙂

    Liebe Grüße,
    Martina

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