Stillleben

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Der Rezession in der Automobilindustrie geschuldet war dieser vor weihnachtliche Urlaub. Und Anstatt mir wirtschaftlich-politisierende Gedanken über das Wohl der Firma zu machen, genoss ich einfach diese verordnete Zwangspause von der Malocherei.

Nach dem Aufstehen ein schönes Frühstück mit frischen Bäckersemmeln und Kaffee, danach nahm ich mir die Zeit, einfach da zusitzen um bei Tee Zeitung zu lesen – diese Beschäftigung konnte dann bis in die Mittagsstunden andauern, nebenbei servierte ich mir am Tisch gleich die nächste Mahlzeit.

Freunde, nicht diese Töne

O doch, möchte ich in die Welt hinaus schrei(b)en. Während allerorten die Konzerthallen zum Jahresausklang Beethovens neunte Sinfonie geben, muss ich doch noch ein wenig granteln. Das Umklappen der letzten Seite von Hesses Steppenwolf, die Weltkrise, die Übernahme der Marken Brockhaus und Harenberg durch Bertelsmann und eine Studie der Stiftung Lesen zwingen mich, dies zu schreiben.

Der Roman „Steppenwolf“ ist schnell erzählt. Hermann Hesse schreibt – biographisch – über die zwei „Ich“, welche abwechselnd in Harry Hallers Innerem die Oberhand gewinnen. Von der Zerrissenheit der Seele, dem Kampf zwischen Kultur (in Gestalt des Steppenwolfes) und Trivialität. So schrieb er zwDer Steppenwolfar über seinen Seelenzustand, doch hält er uns, unserer Gesellschaft, einen Spiegel vor das Gesicht, in dem wir die jetzige Welt allzu verwahrlost sehen. Sehnen sich im Roman die zwei Antagonisten nach einem Gleichgewicht, so ist dieses Kräfteverhältnis schon lang aufgehoben zu Gunsten von einer, und das stammt wiederum von Hesse, feuilletonistischen Zeit. Wobei man den Begriff Feuilleton diesmal mit Unterhaltung – nicht mit Kultur – übersetzen sollte. Es ist diese Jagd nach immer mehr und realer Unterhaltung, nach noch höheren Gewinnen in den Konzernen und beim Privatmann, ein ständiges SchnellerHöherWeiter. Es kann einem Angst und Bange werden, wenn Bertelsmann, oder sollte ich RTL schreiben, Brockhaus endgültig geschluckt hat. Kommt als nächstes der Duden dran? Gibt es als nächstes einen Eintrag im Lexikon „Bauer sucht Frau“? Bei Meyers steht ja nun schon „Big Brother“ drin.

Lasst uns zu Steppenwölfen werden, die Zeit wieder ein wenig zu entschleunigen, dass wieder etwas mehr Kultur in der Waagschale liegt, um das Pendel wieder ins Lot zu bringen.

Doch zurück zum Buch. Im Anhang, persönlich wünschte ich sie mir als Vorwort, stehen die Krisis-Gedichte, aus denen der Roman dann hervorgegangen ist. Erdrückende Einblicke in Hermann Hesses Innerstes.

Das war das Wort zum Jahresende. Blogsatz wünscht euch allen einen Guten Rutsch ins Neue Jahr.

Die Platzkarten, bitte.

In Sabines Spinnrad las ich es und hielt es für einen Scherz, welcher zum Nachdenken anregen solle. Doch die Tageszeitung belehrte mich eines besseren.

Die Herren Volk von der CDU und Lindner von der FDP (käme dieser Vorstoß von der Linkspartei verstünde ich es ja eventuell), möchten die Weihnachtsgottesdienste nur für Kirchensteuerzahler mit Eintritts- respektive Platzkarten öffnen. Manchen Christen wird die Wange glühen, ist es nicht eine schallende Ohrfeige für die christlichen Werte. Prominentestes Opfer einer fehlenden Eintrittskarte war wohl Josef nebst seiner Maria. Doch im Stall war ja noch ein Platz frei. Ist ein Obdachloser, auch wenn er sich in erster Linie der beheizten Kirche wegen dort hin begibt, Gott nicht lieber als manch ein doppelzüngig redender Politiker? Oder soll dieser Vorschlag zu vor lutherischen Zeiten hinführen. Eine elitäre Gruppe kommt sowieso in den Himmel, der Rest solle seinen Zehnt bezahlen, ansonsten muss er in der Hölle darben – oder hat keinen Zutritt zur Kirche. Gut, die Gemeinde der Kirchensteuerzahler ist groß, keine kleine Gruppe, doch soll die Frohe Botschaft nicht alle Menschen erreichen? Auch diejenigen, welche nur an Heiligabend ein Gotteshaus von innen sehen.

Ich wünsche euch einen freien Platz beim Weihnachtsgottesdienst und ein besinnliches, ruhiges Fest.

Puschlozzi

Ich gebe zu, ein recht sonderbarer Name. Doch was steckt dahinter: Die geballte Kraft des aus der Schweiz stammenden Pädagogen Pestalozzi und des russischen Dichters Puschkin, vereint im gemeinsamen Namen Puschlozzi. Doch will diesen Namen niemand tragen. Die Namensstreiter stehen sich unversöhnlich gegenüber in dem seit zwei Jahren schwelenden Streits.

Der Lehrkörper nebst den Schülern der Puschkinschule wechselte zu Schuljahresbeginn 2006 in das leer stehende, mittlerweile sanierte, Gebäude der Pestalozzischule. Die Schulkonferenz überließ die Namenswahl weitgehend den Schülern, welche – erwartungsgemäß – ihren alten Namen behalten wollten. Diese Entscheidung rief nun die Bevölkerung auf den Plan, welche den Namen Pestalozzischule mit dem Gebäude verbanden. Jetzt ist der Stadtrat an der Reihe, welcher gestern ein Machtwort sprach und den Querelen (hoffentlich) ein Ende bereitete. Eine öffentliche Diskussion im Vorfeld hätte bestimmt einem Streit aus dem Weg gehen können, aber wie die Stadtoberen so sind …

Das mit Spannung erwartete, (salomonische) Urteil: Die Puschkinschule soll in Pestalozzischule umbenannt werden. Recht so, ihr Stadträte. Das hättet Ihr schon vor zwei Jahren haben können.

E S A R I N T U L O M D P C F B V H G J Q Z Y X K W

Das sind die in der französischen Sprache am meisten verwendeten Buchstaben. Und nach diesem „Alphabet“, nach diesem System, die Buchstaben ihrer Häufigkeit nach zu sortieren, hat Jean-Dominique Bauby sein Buch diktiert. Bauby ist im März 1997 gestorben, nachdem er weit über ein Jahr in seinem Körper gefangen war.

Im Dezember 1995 erlitt er einen schweren Schlaganfall, nach einem zweiwöchigen Koma erwachte er – vollständig gelähmt, bis auf ein Augenlid und eine leichte Kopfbewegung. Diese sehr seltene Krankheit nennt man „Locked In Syndrom“, kurz LIS. Man ist bei vollem Bewusstsein gefangen im eigenen Körper, in einer, wenn man so will, Taucherglocke. Jean-Dominique sortierte Satz für Satz, Kapitel um Kapitel in seinem Kopf, bevor er mit seinem Lid blinzelte, wenn der richtige Buchstabe genannt wurde.

schmetterlingEs ist kein alltägliches Buch. Eher eine Kostbarkeit, wenn man das Zustandekommen bedenkt. Und er schreibt nichts von Selbstmitleid, Bauby lässt uns Anteil nehmen an seinem Zustand, mit Witz und Ironie zeigt er uns sein „Leben“ als LIS-Patient, holt uns in seine Taucherglocke. Dann entfliehen wir mit ihm, als Schmetterling, in die Welt, welche vor seinem Krankenzimmer stattfindet. Der wache Geist durchbricht die Glocke, entflieht dem Kerker. Doch schreibt er auch von der Verzweiflung, welche sich doch immer wieder breit macht.

Allzu oft, auch mit Recht, sagt man, ein Film, gedreht nach einem Buch, verliere von der Ausstrahlung der Worte. Hier ist es nicht der Fall. Der gleichnamige Film intensiviert dieses Erleben des Locked In Syndroms. Gedreht aus der Sicht Baubys, sehen wir die Welt mit seinem Auge, sind dabei, als man ihm ein Augenlid zu nähte, als über ihn gesprochen wurde. Doch ich schreibe ganz bewusst nicht, dass wir uns durch diesen Film in ihn hinein versetzen können. Nein, das kann niemand. Das einzige, was wir können, ist, sich ein wenig mehr mit unserem Leben auseinander zu setzen. Manche ärgern sich über ein paar Pfunde zu viel am Körper, graue Haare, ein Pickel, die Frisur, welche heute nicht sitzen will und all dergleichen Banalitäten, Kleinigkeiten. Sehen wir die Welt mit anderen Augen, freuen wir uns des Lebens, auch wenn es uns manchmal vorkommt, wir wären der Baum und nicht der Hund.

Auch eine seltene Krankheit ist der Zustand des Wachkomas, des apallischen Syndroms. Hier fehlt dem Patienten durch eine zu starke Schädigung des Hirns das Bewusstsein. Doch finde ich den Übergang eher fließend. Welcher noch so gute Neurologe kann mit hundertprozentiger Gewissheit sagen, dieser Gruppe fehlt das Bewusst gewordene Sein. Und so kommt es bei jedem dieser zwei Krankheitsbilder vor, das mangelnde Kenntnis der Pflegekräfte dazu führen, ohne Vorwarnung die Bettdecke weg gezogen zu bekommen oder einen nassen Waschlappen plötzlich im Gesicht zu haben. Dieser Film sollte eigentlich zum Lehrplan auszubildender Pflegekräfte dazu gehören und bei Angestellten auf solchen Stationen jährlich gezeigt werden.

Schnee-Export in die Schweiz

Wie mir mehrere Webcams bestätigten, gibt es hier gerade mehr Schnee als in Basel, einer Stadt in der sonst so schneesicheren Schweiz. PC120007Da lasse ich mich nicht lumpen und sende auf diesem Weg ein paar schon zur Erde gefallene Schneeflocken meinen lieben Lesern bei den Eidgenossen. Bei diesen Bildern muss doch das Mannelwecken endlich gelingen! 004

Aufgenommen heute vormittag, Blick aus dem Arbeitszimmer.

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Das Spiel des Engels

Es ist einer der im Augenblick meistgekauften Romane, in der Spiegelliste derzeit auf Platz eins und ich kaufte es dennoch. Trotz meiner Abneigung zu den Top-Büchern auf all den Bestsellerlisten, welche eigentlich nur darüber Auskunft geben, wie oft das Buch verkauft wird, nicht über den Gehalt zwischen den Buchdeckeln. Doch es steht zu Recht dort.

Carlos Ruiz Zafon hat seinem Erfolgsroman „Der Schatten des Windes“ ein ebenbürtiges Werk zur Seite gestellt. image

Wieder geht es um den mystischen „Friedhof der vergessenen Bücher“, einen Schriftsteller, eine Buchhandlung, um Liebe und Leiden sowie das Barcelona Anfang des 20. Jahrhunderts. Dank Zafons Ich-Erzählweise fühlt man sich richtig hinein versetzt in das Leben zwischen den alten Vierteln der Stadt. Man geht mit ihm die alten Gassen entlang, trinkt seinen Kaffee in der Buchhandlung Sempere und lässt sich von der, mitunter recht düsteren, Atmosphäre verzaubern. Laut Carlos Ruiz Zafon ist dieser Roman eine Hommage an die Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Und so darf auch ein klein wenig großer, faustscher Literaturgeschichte nicht fehlen: David Martin, die Hauptfigur des Romans, nahm das Angebot des Verlegers Corelli an, ein Auftragswerk zu schreiben, eine neue Religion zu erfinden, und erhielt selbstverständlich außer dem Honorar eine Gegenleistung… Hat hier der Teufel seine Hand im Spiel?

Der Fischerverlag schreibt:

Wir schreiben das turbulente Jahrzehnt vor dem Bürgerkrieg, als alles aus den Fugen gerät. Die Bevölkerung Barcelonas explodiert, die Stadt expandiert, Gaudí erschafft seine Kathedrale, Banden kontrollieren ganze Stadtviertel und die Anarchisten zünden ihre Bomben. Der junge David Martín fristet sein Leben als Autor von Schauergeschichten. Als ernsthafter Schriftsteller verkannt, von einer tödlichen Krankheit bedroht und um die Liebe seines Lebens betrogen, scheinen seine großen Erwartungen sich in nichts aufzulösen. Doch einer glaubt an sein Talent: Der mysteriöse Verleger Andreas Corelli macht ihm ein Angebot, das Verheißung und Versuchung zugleich ist. David kann nicht widerstehen und ahnt nicht, in wessen Bann er gerät…
Mit unwiderstehlicher erzählerischer Kraft lockt uns Carlos Ruiz Zafón wieder auf den Friedhof der Vergessenen Bücher: mitten hinein in einen Kosmos voller Spannung und Phantastik, Freundschaft und Liebe, Schrecken und Intrige. In eine Welt, die vom diabolischen Wunsch nach ewigem Leben und Ruhm regiert wird.

Invalidenküche

Da stehen und sitzen sie in der Küche; diese Armee aus Versehrten, gleich der nicht enden wollenden Schlange in Lourdes, Hoffnung auf Heilung schöpfend, und warten geduldig auf die Genesung.

Heute war Mannelwecken. Und nach dem elfeinhalb Monate währenden Schlaf, unsanfter geweckt als einst Dornröschen, waren manche wohl etwas voreilig, als sie schnell aus dem Karton kletterten. Also mussten die Raachermannln (zu Deutsch: Räuchermännchen), welche sich verletzten, auf dem Küchentisch Aufstellung nehmen. Des Schneemanns rote Mohrrübennase musste wieder befestigt werden, ein nur zur Hälfte gefallener Engel, der linke Flügel brach bei den ersten Flugversuchen, ein Kurrendesänger verlor seinen Stern und weiteren kleinen und großen Patienten ward geholfen. Jetzt stehen sie alle an ihrem Platz,image die Pyramiden warten darauf, endlich angeschoben zu werden um ihren rotierenden Schatten an die Zimmerdecke zu werfen, der Nussknacker hat seine Zähne geputzt und im Keller liegt ein köstlich duftender erzgebirgischer Butterstollen.

Ich wünsche euch eine ruhige, besinnliche Adventszeit, keine Hektik beim Geschenkekaufen und einen schönen Bummel über einen der zahlreichen Weihnachtsmärkte.

Polterg(r)eis(t)

Wer poltert da noch durch die Medien – nicht mehr leis,

das ist doch RR – wohl schon ein Greis.

Man könnte meinen, Herr Reich-Ranicki wäre in seinem Ohrensessel aufgewacht und sah sich nicht mehr beachtet. Deswegen muss er wohl jetzt durch die Medienlandschaft schimpfen. Hegte ich noch ein wenig Sympathie für ihn, nach seiner Weigerung den Fernsehpreis anzunehmen, hat er diese jetzt verloren. Befreundete er sich während der Sendung mit Herrn Gottschalk und attackierte die ihm zu Hilfe eilende Elke Heidenreich; doch damit nicht genug. In der Dezemberausgabe des Magazins „Cicero“ legte er noch einmal nach. Sagte er doch zu der Sendung Lesen „Diese Reklame für Bücher ist mir zu billig.“ Stimmt, Herr RR. Sie machten ja vor kurzem für die Firma mit dem großen, rosa T Werbung, die war dann nicht so billig. Des weiteren motzte er noch gegen Sigrid Löffler, welche die Sendung von Elke Heidenreich auch nicht weiter führen könne. Einen Augenblick lang war ich geneigt zu denken, er hätte ein Problem mit (klugen) Frauen. Doch paar Sätze weiter versucht er sich bei Frau Merkel anzubiedern, welche sich doch auch in die Diskussion über die Fernsehqualität einmischen sollte. Oder hat er doch ein Frauenproblem? Schließlich überwarf er sich nun noch mit seiner Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz vom Suhrkamp-Verlag und wechselt zu Hoffmann und Campe.

Setzen Sie sich doch bitte wieder in Ihren Lehnstuhl und lesen paar Bücher.