Überrollt

Da liegt er nun, der kleine Giebenrath, überrollt von einem Mahlstrom aus dem Räderwerk Leben. Doch hab´ ich ja das Ende jetzt schon vorweggenommen. Seine Tragödie war unausweichlich, und hessetypisch endete sie im Wasser. Doch wie kam es zu dem Unheil?

Hermann Hesse erzählt, zumeist autobiografisch, die Jugend des Hans Giebenrath. Eine Dorf im Schwarzwald. Sommer. Ferienzeit. Während der Fluss als Freibad her hält geht Hans diesmal nicht seiner Passion Angeln nach, nein, Hans sitzt auf seiner Stube und – lernt. Schließlich soll er das Landexamen so gut meistern, um an der Klosterschule aufgenommen zu werden. imageAngetrieben von Pfarrer, Rektor und Vater paukt er Latein, Mathematik, Griechisch, Deutsch. Und er besteht das Examen in Stuttgart, „darf“ nach Maulbronn, um später einmal eine höhere Laufbahn einzuschlagen.

Ich höre deutlich noch die Eltern, auch die Schulleiter, alle stießen ins selbe Horn: „Der soll mal was besseres werden“! Doch er wollte gar nicht hoch hinaus. Ja, schmückte ich einige Jahre meiner Vita in Prosa aus, so bräche wohl etwas ähnliches hervor.

Zurück zum Klosterschüler Giebenrath. Anfangs der Liebling der Lehrer, doch dann freundet er sich zu ihrem Leidwesen mit dem Freigeist Heilner an. Durch ihn blickt Hans in sein Inneres, und verzweifelt immer mehr. Sein Freund muss – Hermann Heilner passt nicht in diese Gemeinschaft – die Klosterschule verlassen. Und bald darauf zerbricht Hans und kehrt in seine Heimat zurück. Beginnt eine Lehre als Mechaniker, verliebt sich, hat Liebeskummer, besucht mit seinen Kollegen ein Wirtshaus und trinkt. Den Rückweg tritt er allein an, nach einiger Zeit legt Hans sich dann träumend unter einen Apfelbaum. Und nun schließt sich der Lebenskreis.

Freunde, nicht diese Töne

O doch, möchte ich in die Welt hinaus schrei(b)en. Während allerorten die Konzerthallen zum Jahresausklang Beethovens neunte Sinfonie geben, muss ich doch noch ein wenig granteln. Das Umklappen der letzten Seite von Hesses Steppenwolf, die Weltkrise, die Übernahme der Marken Brockhaus und Harenberg durch Bertelsmann und eine Studie der Stiftung Lesen zwingen mich, dies zu schreiben.

Der Roman „Steppenwolf“ ist schnell erzählt. Hermann Hesse schreibt – biographisch – über die zwei „Ich“, welche abwechselnd in Harry Hallers Innerem die Oberhand gewinnen. Von der Zerrissenheit der Seele, dem Kampf zwischen Kultur (in Gestalt des Steppenwolfes) und Trivialität. So schrieb er zwDer Steppenwolfar über seinen Seelenzustand, doch hält er uns, unserer Gesellschaft, einen Spiegel vor das Gesicht, in dem wir die jetzige Welt allzu verwahrlost sehen. Sehnen sich im Roman die zwei Antagonisten nach einem Gleichgewicht, so ist dieses Kräfteverhältnis schon lang aufgehoben zu Gunsten von einer, und das stammt wiederum von Hesse, feuilletonistischen Zeit. Wobei man den Begriff Feuilleton diesmal mit Unterhaltung – nicht mit Kultur – übersetzen sollte. Es ist diese Jagd nach immer mehr und realer Unterhaltung, nach noch höheren Gewinnen in den Konzernen und beim Privatmann, ein ständiges SchnellerHöherWeiter. Es kann einem Angst und Bange werden, wenn Bertelsmann, oder sollte ich RTL schreiben, Brockhaus endgültig geschluckt hat. Kommt als nächstes der Duden dran? Gibt es als nächstes einen Eintrag im Lexikon „Bauer sucht Frau“? Bei Meyers steht ja nun schon „Big Brother“ drin.

Lasst uns zu Steppenwölfen werden, die Zeit wieder ein wenig zu entschleunigen, dass wieder etwas mehr Kultur in der Waagschale liegt, um das Pendel wieder ins Lot zu bringen.

Doch zurück zum Buch. Im Anhang, persönlich wünschte ich sie mir als Vorwort, stehen die Krisis-Gedichte, aus denen der Roman dann hervorgegangen ist. Erdrückende Einblicke in Hermann Hesses Innerstes.

Das war das Wort zum Jahresende. Blogsatz wünscht euch allen einen Guten Rutsch ins Neue Jahr.

Das Spiel des Engels

Es ist einer der im Augenblick meistgekauften Romane, in der Spiegelliste derzeit auf Platz eins und ich kaufte es dennoch. Trotz meiner Abneigung zu den Top-Büchern auf all den Bestsellerlisten, welche eigentlich nur darüber Auskunft geben, wie oft das Buch verkauft wird, nicht über den Gehalt zwischen den Buchdeckeln. Doch es steht zu Recht dort.

Carlos Ruiz Zafon hat seinem Erfolgsroman „Der Schatten des Windes“ ein ebenbürtiges Werk zur Seite gestellt. image

Wieder geht es um den mystischen „Friedhof der vergessenen Bücher“, einen Schriftsteller, eine Buchhandlung, um Liebe und Leiden sowie das Barcelona Anfang des 20. Jahrhunderts. Dank Zafons Ich-Erzählweise fühlt man sich richtig hinein versetzt in das Leben zwischen den alten Vierteln der Stadt. Man geht mit ihm die alten Gassen entlang, trinkt seinen Kaffee in der Buchhandlung Sempere und lässt sich von der, mitunter recht düsteren, Atmosphäre verzaubern. Laut Carlos Ruiz Zafon ist dieser Roman eine Hommage an die Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Und so darf auch ein klein wenig großer, faustscher Literaturgeschichte nicht fehlen: David Martin, die Hauptfigur des Romans, nahm das Angebot des Verlegers Corelli an, ein Auftragswerk zu schreiben, eine neue Religion zu erfinden, und erhielt selbstverständlich außer dem Honorar eine Gegenleistung… Hat hier der Teufel seine Hand im Spiel?

Der Fischerverlag schreibt:

Wir schreiben das turbulente Jahrzehnt vor dem Bürgerkrieg, als alles aus den Fugen gerät. Die Bevölkerung Barcelonas explodiert, die Stadt expandiert, Gaudí erschafft seine Kathedrale, Banden kontrollieren ganze Stadtviertel und die Anarchisten zünden ihre Bomben. Der junge David Martín fristet sein Leben als Autor von Schauergeschichten. Als ernsthafter Schriftsteller verkannt, von einer tödlichen Krankheit bedroht und um die Liebe seines Lebens betrogen, scheinen seine großen Erwartungen sich in nichts aufzulösen. Doch einer glaubt an sein Talent: Der mysteriöse Verleger Andreas Corelli macht ihm ein Angebot, das Verheißung und Versuchung zugleich ist. David kann nicht widerstehen und ahnt nicht, in wessen Bann er gerät…
Mit unwiderstehlicher erzählerischer Kraft lockt uns Carlos Ruiz Zafón wieder auf den Friedhof der Vergessenen Bücher: mitten hinein in einen Kosmos voller Spannung und Phantastik, Freundschaft und Liebe, Schrecken und Intrige. In eine Welt, die vom diabolischen Wunsch nach ewigem Leben und Ruhm regiert wird.

Siddhartha

Nun versuche ich mich doch noch daran, etwas über Thich Nhat Hanh´s „Einführung in den Buddhismus“ zu schreiben, obwohl das Lesezeichen sich schon wieder durch andere Bücher gewunden hat.

Es ist ein Roman. Es ist ein Lehrbuch. Es ist eine Biographie.

Es gibt wohl noch mehrere Umschreibungen, vor allem aber ist es für mich ein Lehrbuch. Mit der Maßgabe, wenigstens einige der Lehren Buddhas im Leben anzuwenden.

So wie die Gelassenheit. Wenn das Betriebsklima durch verschiedentliche Nachrichten auf die schlechtere Seite ausschlägt, bleibt man doch ruhiger. Wenn den dreißig Leiharbeitern, die die Fabrik bereits verließen, nun noch 30 Festangestellte folgen – ja, immer gegen Ende des Monats kommt der „Briefträger“ und verteilt diese Mitteilungen des Nichtmehrbenötigtwerdens – so sieht man das Ganze eine Spur gelassener.

Einzig und allein die vielen Namen in Sanskrit bereiten einem Schwierigkeiten, doch können ja nicht alle indischen Könige Rot- oder Drosselbart heißen, um meinen Lesefluss nicht ins Stocken geraten zu lassen.

Der dtv-Verlag schreibt folgendes:

Als der Unberührbare Svasti im Alter von elf Jahren beim Büffelhüten dem Einsiedler Siddhartha begegnet, ahnt er nicht, dass dieser Siddharthasein Schicksal sein wird: Als Mönch begleitet er ihn durch sein langes ungewöhnliches Leben und kehrt selbst als »Ehrwürdiger« nach Hause zurück.
In diesem poetischen Lehrroman rollt Thich Nhat Hanh die ganze Lebensgeschichte Buddhas auf: sein weltliches Leben als Prinz am Hof seines Vaters, seine Ausbildung bei den bekanntesten Meditationsmeistern des alten Indien, seine Erleuchtung in Bodh-Gaya, seine lebenslange Wanderschaft, seine Schüler, seine Widersacher – vor allem aber seine beeindruckende Lehre, die die Welt verändert hat.
Buddha tritt uns in diesem Buch nicht als Gott oder Heiliger entgegen, sondern als Mensch, dem Mitgefühl und Freundlichkeit stets wichtiger waren als großartige spirituelle Erfahrungen.

Mitternachtskinder

von Salman Rushdie ist das zweite Buch, welches ich nicht bis zum Schluss las. Lag es an meiner Erwartungshaltung, nachdem ich den Klappentext las – ich weiß es nicht. Der Anfang mit weit über hundert Seiten zog sich mit der Vorgeschichte schleppend dahin; dann ein Lichtblick mit Beginn der eigentlichen Handlung. Doch assoziierte ich mit dem Datum der Unabhängigkeit Indiens und der Geburt der Mitternachtskinder einen Roman weniger als Familienchronik oder Biografie, eher über die indischen Mythen und die Philosophie des Kontinents, das kam mir persönlich etwas zu kurz. Die letzten hundertfünfzig Blätter habe ich dann auch übersprungen. Irgendwie konnte ich mich mit dem Buch nicht anfreunden, obwohl Rushdies Stil zu Schreiben lesenswert ist. image

Der Verlag schreibt über das Buch: 15. August 1947, Mitternacht: Indien wird unabhängig – und zwei Kinder werden geboren, deren Schicksal untrennbar mit dem ihres Landes verbunden ist. Saleem Sinai, Erbe einer reichen muslimischen Familie und Shiva, Sohn besitzloser Hindus. Eine gutmeinende Krankenschwester vertauscht die beiden …

Der Mann mit der Ledertasche

Soeben ausgelesen und schon im Blog. Charles Bukowskis erster Roman. Er beschreibt darin, meist autobiografisch, seine Erlebnisse als Angestellter des U.S. Postal Service – der amerikanischen Postbehörde. Zwei Jahre Briefträger; schikaniert durch seine Vorgesetzten, die ihm die schwersten Routen geben, angepöbelt von ungeduldigen Mitmenschen, welche Post erwarten aber keine bekommen und Hausfrauen – auf den „Milchmann“ wartend, dann mit dem Postbote vorlieb nehmen, haben bei ihm Spuren hinterlassen. Nichtsdestotrotz heuert er nach einer kurzen Auszeit wieder beim selben Arbeitgeber an, jetzt aber im Innendienst, Briefe verteilen. Dazwischen Episoden von seiner geliebten Pferderennbahn, von Frauen, von Alkohol und wieder Alkohol und Frauen.

Hier die Kurzbeschreibung vom Verlag:

»Das gesamte Personal der Post muss in seiner völligen Hingabe an das Interesse der Öffentlichkeit immer standhaft und rechtschaffen bleiben. Vom Personal der Post wird erwartet, dass es nach den höchsten sittlichen Grundsätzen handelt, die Gesetze der Vereinigten Staaten achtet und sich im Übrigen an die Vorschriften und Richtlinien der Postverwaltung hält.«Der Briefträger Henry Chinaski alias Charles Bukowski bleibt unsittlich: Er legt sich mit seinem Vorgesetzten an, säuft, wettet und versucht erfolglos, eine dauerhafte sexuelle Beziehung aufzubauen. Schließlich quittiert er den Dienst, um einen Roman zu schreiben.

„Am nächsten Morgen war die Nacht vorbei, und ich war noch am Leben. Vielleicht schreibe ich einen Roman, dachte ich. Und dann schrieb ich ihn.“

Charles Bukowski